Psycholytische Therapie (Psycholyse)(zurück)
Psycholytische Psychotherapie
Das Wort "psycholytisch" lässt sich gut übersetzen mit "auflösen von seelischen Spannungen und Konflikten".
Worum aber geht es in dieser speziellen, Substanz-unterstützten Therapieform?
Zunächst können wir innerhalb der Substanz-unterstützten Therapien zwei grobe Unterscheidungen treffen:
- Die "Psychedelische Therapie", (psychḗ, "Seele" und dẽlos, "offenkundig, offenbar"),
bei der durch die Vergabe einer relativ hohen Menge an MDMA, LSD oder Psilocybin
versucht wird, eine sogenannte Gipfelerfahrung ("peak experience") auszulösen, in der Hoffnung, so Veränderungsprozesse im Klienten zu initiieren.
(siehe auch: Anaklitische Therapie und Hypnodelische Therapie).
- Die "Psycholytische Therapie", (von griech. lysis = "Auflösung"), bei der durch die Vergabe einer relativ geringen Menge an Wirkstoff über mehrere Sitzungen
versucht wird, den therapeutischen Prozess zu vertiefen.
Diese Verfahren nutzten die Eigenschaft halluzinogener Substanzen, um eine Stimulation der Affektivität und einen traumartigen Erlebnisfluss bei klarem Bewusstsein und gutem Erinnerungsvermögen zu erzeugen.
Die psycholytische Methode bedeutet theoretisch als auch in der klinischen Praxis eine Ausweitung und Modifikation der psychoanalytisch orientierten Psychotherapie.
Die kulturhistorischen Anfänge dieser Therapieform liegen im Beginn der Menschheitsgeschichte. Zu jeder Zeit hat der Mensch einzelnen Substanzen eine heilende und transformierende Eigenschaft zugesprochen.
Diese Substanzen waren und sind in der Regel eingebettet in einen kulturellen Zusammenhang und spielen oft eine große Rolle in Zeremonien und Ritualen.
Die entscheidenden Impulse zur weltweiten Einstellung der Psycholytischen und Psychedelischen Therapie kamen aus der politischen Reaktion auf die Jugendbewegung der 60er Jahre.
"Drogen" wurden identitätspolitisch von Teilen der Jugendbewegung überhöht und dienten zugleich deren Gegnern propagandistisch als Symbole anti-sozialer Tendenzen
(siehe auch: LSD und die Modellpsychose).
Scobel: Diskussion zum Thema: Substanz-unterstützte Psychotherapie/Psycholyse
Über Jahrzehnte war die Forschung mit halluzinogenen Drogen ein Tabu. Inzwischen gibt es weltweit einige wenige Forscher, wie Henrik Jungaberle, Rolf Verres, Franz Vollenweider oder auch Peter Gasser, die erneut die Spur der "Halluzinogenen" bzw. Psychedelika (wie MDMA, LSD und Psylocibin) aufgenommen haben.
Dies führte zu neuen Erkenntnissen in den Bereichen "Ritualsierung und kulturelle Intergration der Entheogene und/oder Entaktogene in unserer Gesellschaft" (RISA-Studie) und im Bereich "Begleitung am Ende des Lebens (mit Psylocibin bzw. LSD) durch Peter Gassser.
Gert Scobel diskutiert mit seinen Gästen über die Chancen und Risiken dieses Forschungszweigs, der so genannten "Psycholyse" oder "Substanz-unterstützten Psychotherapie".
"Highlung" durch Drogen? - Den kompletten Bericht bei "scobel" anschauen!
Die Väter der Psycholytischen Therapien:
Die Substanz-unterstützte Psychotherapie hat zum einen eine eher lockere Anbindung an akademische Institutionen, zum anderen lässt sich diese Therapieform nicht an eine konkrete Person ursächlich binden.
In der Vergangenheit haben sich aber einige Forscher mit ihren Erfahrungen und Publikationen besonders hervorgetan.
Dazu zählen vor allem Hanscarl Leuner (Bild links)
und Stanislav Grof (mitte),
aber auch Peter Gasser,
Präsident der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie (rechts).
Psychotherapeutische Richtlinien in der Psycholyse:
Die Substanz-unterstützte Psychotherapie ist eher ein Konglomerat von Ansätzen als eine einheitliche Schule. Sie ist tendenziell tiefenpsychologisch orientiert und wurde seit den 60er Jahren auch stark von sogenannten
experimentellen, humanistischen Psychotherapieverfahren beeinflusst.
Auch die Illegalisierung von LSD und MDMA hat in der Vergangenheit eine sozialkritische Tendenz bei einigen der Vertretern bestärkt.
Nach jahrelangen Verboten sind diese Substanzen wieder Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Forschung - sowohl im klinischen als auch im therapeutischen Rahmen - vor allem in der Schweiz, in Israel und in den USA
(in Deutschland kann sie zur Zeit nicht angeboten werden).
Substanzen wie MDMA, LSD oder Psilocybin sind sogenannte Entaktogene, bzw. Entheogene.
Diesen Substanzen wird also eine "die Seele öffnende" Eigenschaft zugeschrieben. Allerdings lässt sich die Wirkung - beispielsweise von LSD
- nicht allein aufgrund seiner Pharmakologie vorhersagen, sondern sie beinhaltet komplexe psychologische Wirkmechanismen und wird von ihnen gesteuert.
Das ist der Grund, warum die Psycholytische Therapie immer in einen therapeutischen Gesamtzusammenhang eingebettet ist. Das bedeutet, der Klient befindet sich zunächst in einer eher klassischen
Therapiesituation mit Angeboten von Einzel- und Gruppensetting - und das, ohne die Vergabe irgendwelcher Substanzen.
Erst im Verlauf der Therapie wird mit genauer Absprache des Therapeuten eine individuell festgelegte Sitzung mit der Substanz durchgeführt. Im weiteren Verlauf der Therapie wird anschließend versucht,
die gemachten Erfahrungen in den eigenen Lebenszusammenhang zu integrieren. Dieser Prozess von therapeutischem Vorlauf, Substanzerfahrung
und Integration ist typisch für die Substanz-unterstützte Psychotherapie (Psycholyse).
Durch die Vergabe von psychoaktiven Substanzen soll innerhalb des therapeutischen Settings eine alternative Erfahrung des Selbsts ermöglicht werden. Diese alternative Erfahrung der eigenen Lebenswelt, der Konflikte,
Symptome und der sozialen Beziehungen soll im weiteren psychotherapeutischen Prozess vertieft werden und in der Folge Veränderungspotenziale entfalten.
Störungsrelevante neuropsychologische Komplexe werden aktiviert und im nächsten Schritt "überschrieben", so zum Beispiel beim Trauma
(siehe auch: MDMA bei der Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörung).
Diagnostische Kriterien der Psycholyse (Substanz-unterstützte Psychotherapie):
Kontraindikationen:
- Diese Behandlung eignet sich nicht für Psychotiker oder extrem paranoide Menschen
- Keine Borderline-Patienten im ambulanten Setting
- Zurückhaltung bei Patienten mit expliziten Suchtproblemen
- Keine Epileptiker
Motivation:
- Stabile Lebenssituation
- Psychische Stabilität
- Integration vorheriger Erfahrungen erreicht
- innere Bereichtschaft zur Veränderung
- Offenheit für therapeutische Interventionen
Die einzelnen Vefahren - Psycholytische Therapie und Psychedelische Therapie:
- Psychoanalytische Individualtherapie mit eingeschobenen ambulanten oder stationären psycholytischen Einzelsitzungen und deren Nachbearbeitung im psychoanalytischen Einzelsetting.
- Ambulante oder stationäre psychoanalytische Einzeltherapie mit regelmäßigen psycholytischen Einzelsitzungen im stätionären Rahmen und gruppentherapeutischer Nachbereitung des Erlebten
(als Variationsform: "stationäre Intervallbehandlung").
- Tiefenpsychologische Gruppentherapien mit eingestreuten psycholytischen Gruppensitzungen und anschließender Durcharbeitung in der Gruppe.
- Gruppentherapeutische Vorbereitung und (hochdosierte) Verabreichung der Substanzen im supportiven (unterstützenden) stationären Gruppensetting mit "psychedelischer" Methodik und Zielsetzung.
Weiterführende Informationen zur Substanz-unterstützten Psychotherapie (Psycholyse):
Therapie mit psychoaktiven Substanzen
Henrik Jungaberle, Peter Gasser, Jan Weinhold, Rolf Verres
Das vorliegende Buch ist Produkt eines interdisziplinären Dialogs zwischen Medizinern, Sozialwissenschaftlern und Psychotherapeuten.
Die Psychotherapie mit Halluzinogenen wie LSD und Entaktogenen wie MDMA (Ecstasy) findet nach einer Unterbrechung von drei Jahrzehnten wieder großes Interesse. In einem Zeitfenster von sechs Jahren
war es in der Schweiz möglich, mit LSD und MDMA Psychotherapien durchzuführen und dabei wichtige Erfahrungen zu sammeln. Diese werden erstmals systematisch dargestellt und durch Beiträge namhafter Forscher
und Therapeuten ergänzt. Das Buch informiert über Geschichte und State-of-the-Art Substanz-unterstützter Psychotherapie. Psycholytische und psychedelische Behandlungsansätze werden erläutert.
Potenziale, Risiken und Nebenwirkungen werden bewertet. Die Autoren diskutieren die Relevanz dieser Therapieform für Medizin und Gesellschaft. Das Buch ist Produkt eines Dialogs zwischen Medizinern,
Sozialwissenschaftlern und Psychotherapeuten.
ISBN: 978-3-456-84606-4
LSD-Psychotherapie
Stanislav Grof
Der Autor Stanislav Grof gibt einen Überblick über
die Geschichte der LSD-Therapie und ihre theoretischen Grundlagen. Er konzentriert sich dabei auf die praktischen Aspekte der von ihm entwickelten
therapeutischen Vorgehensweisen: die Vorbereitung des Patienten, die Methodik der Durchführung von Sitzungen, Indikationen und Kontraindikationen, die therapeutischen Resultate und das Problem von Nebenwirkungen und Komplikationen.
ISBN: 978-3-608-94017-6
PDF zum Thema "Halluzinogene und ihre Bedeutung für die Psychotherapie"
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LSD mein Sorgenkind von Albert Hofmann
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Fachinformation Psychedelika von Hans Cousto
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Die Bedeutung
der Halluzinogene
für die "westliche" Psychotherapie (Mag. Marion Linska, 2004)
Radiomitschnitt zum Thema "Psilocybin und LSD in der Psychotherapie"herunterladen oder anhören
Psychedelic Welfare:
Die Psychedelische Ambulanz von eclipse e. V.
Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS)
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