Modellpsychose und Alternative Gegenkonzepte zur Psychiatrisierung(zurück)

Stigmatisierung und Ausgrenzung außergewöhnlicher Bewusstseinszustände in unserer Gesellschaft

hexenverfolgungIm Zuge der Christianisierung kam es zwischen dem 8. und dem 17. Jahrhundert zu einer schleichenden, aber progressiven Ausdünnung vorhandener (alter) Glaubenssysteme und Traditionen. Ein Werkzeug, den neuen christlichen Glauben durchzusetzen, war die Inquisition. Häretiker wurden auf dem Höhepunkt dieser als Hexenverfolgung genannten Phase öffentlich hingerichtet. Oftmals genügte schon das Gerücht, man sei zum Hexensabbat auf den Blocksberg geflogen, zur Anzeige und man musste damit rechnen, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden.

Auch in Ländern, die wir später als "Kolonien" bezeichneten, wurden alle indigenen Gebräuche systematisch ausgetrocknet, ihre Symbolbilder zerstört und meist auch der Gebrauch traditioneller, psychoaktiver Pflanzen unter Strafe gestellt. (siehe auch: LSA - Heilmittel der Azteken)

Heute wissen wir, dass es schon im Mittelalter regelmäßig Vergiftungen durch das im Getreide enthaltene Mutterkorn (Claviceps purpurea) gegeben hat (zuletzt in Dresden im Jahre 1716/1717). Das Mutterkorn ist ein Pilz, welcher als Schmarotzer auf dem Getreide wuchs, in dem zu Mehl verarbeiteten Brot in Spuren auftauchte und beim Menschen zu Vergiftungserscheinungen führte. Das Spektrum der Phänomene, welche durch die Intoxikationen ausgelöst wurden, reichten von Halluzinationen, komatösen Zuständen bis zum Tod. Außerdem verfärbten sich die Gliedmaßen schwarz und starben ab. Dieses heute unter dem Namen "Ergotismus" bekannte Phänomen nannte man im Mittelalter "Antoniusfeuer".

mutterkorn Das Mutterkorn (siehe Bild) wurde jahrhundertelang von Kräuterkundigen bei der Geburtshilfe und zur Kreislaufstimulation eingesetzt, ihm wurden auch blutungsstillende Eigenschaften zugesprochen. Arzneilich wurden die Sklerotien, die Dauerstadien des Mutterkorns, die wie dunkle, übergrosse Roggenkörner aussehen (siehe Bild links), schon im 16. Jahrhundert zur Uteruskontraktion während der Geburt und zur Auslösung der Nachgeburt eingesetzt. Daher der Name "Mutterkorn". Diese Informationen veranlassten Albert Hofmann Mitte der 30er-Jahre, sich näher mit dem Mutterkorn zu befassen. Dabei entdeckte er bekanntermaßen 1938 das LSD, dessen psychoaktive Wirksamkeit er 1943 am eigenen Leibe erfuhr.

Obschon es auch in unserem Kulturkreis – eine Jahrtausende alte Tradition im Umgang mit psychedelischen Substanzen gibt, wurde das LSD, nach seiner Entdeckung durch Albert Hofmann, zusammen mit anderen sog. „Halluzinogenen“ recht schnell verboten und damit der gesellschaftlichen Kontrolle entzogen.

Die entscheidenden Impulse zum (weltweiten) Verbot allerdings kamen aus der politischen Reaktion auf die Jugendbewegung der 60er Jahre. "Drogen" wurden identitätspolitisch von Teilen der Jugendbewegung überhöht und dienten zugleich deren Gegnern propagandistisch als Symbole anti-sozialer Tendenzen.

Auch heute noch sehen wir uns mit einem eher distanzierten und unaufgeklärten Umgang mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen konfrontiert, welche durch Psychedelika – wie LSD, Psilocybin und Meskalin – ausgelöst werden. Dieser unaufgeklärte Umgang bezieht sich durchaus nicht nur auf staatliche Behörden sondern auch – und gerade hier – auf Jugendliche und Heranwachsende, die oftmals experimentell diese Substanzen ausprobieren.

Da diese ausgelösten Zustände in keinen gesellschaftlichen Kontext passen, werden sie auch nicht integriert und im schlechtesten Fall als pathologisch angesehen und entsprechend behandelt. Das Trauma wird hier für den Erlebenden, welcher sich nach der Einnahme von Psychedelika in einer Psychiatrie wieder findet, erheblich verstärkt. Nicht selten wird die Behandlung in der sterilen Atmosphäre eines Krankenhauses als empfindlicher Eingriff gewertet und trägt in keiner Weise zu einer „Verbesserung“ der Symptome bei. Gerade die Integration außergewöhnlicher Zustände und Erfahrungen in den eigenen Lebenszusammenhang stellt sicher, dass die Dynamik psycholytischer Prozesse eben keine langfristigen Probleme bereiten und – entgegen der weit verbreiteten Auffassung – sogar eine Bereicherung innerhalb der Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen sein können.

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LSD und die „Modellpsychose“

hanscarl leuner Zum großen Teil ging die frühe LSD-Forschung von der Annahme aus, dass es sich beim LSD-Zustand um eine so genannte „Modellpsychose“ handle. Die unerhörte Stärke dieser Droge, die schon in winzigen Mengen die geistig seelischen Vorgänge in ansonsten gesunden Menschen tief greifend verändern konnte, gab den Vermutungen neuen Auftrieb, dass endogene Psychosen, insbesondere die Schizophrenie, wesentlich biochemisch bedingt sei. Mehrfach wurde beobachtet, dass eine mikroskopisch kleine Dosis LSD im Bereich von 25 bis 100 Mikrogramm schon ausreichte, um Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen hervorzurufen, die denen bei manchen Schizophrenen erkennbaren ähnlich waren. (Bild rechts: Hanscarl Leuner, Pionier der frühen LSD-Forschung)

Es war denkbar, dass der menschliche Stoffwechsel unter bestimmten Bedingungen solche winzigen Mengen einer dort normalerweise nicht auftretenden Substanz hervorbrächte, die dem LSD ähnlich oder mit ihm identisch wäre. Nach dieser verführerischen Hypothese wären endogene Psychosen, wie die Schizophrenie, nicht in erster Linie Geistesstörungen, sondern Äußerungen einer Autointoxikation, verursacht durch eine pathologische Veränderung chemischer Vorgänge im Körper. Die Möglichkeit, Symptome der Schizophrenie an normalen Freiwilligen zu simulieren und vielseitige Labortests und Untersuchungen vor, während und nach einer solchen „Modellpsychose“ durchzuführen, schien einen aussichtsreichen Zugang zum Verständnis dieser für die Psychiatrie rätselhaftesten Krankheit zu gewähren. Viele dieser Untersuchungen zielten in den ersten Jahren der Entdeckung des LSD darauf ab, die Hypothese der „Modellpsychose“ zu beweisen oder zu widerlegen. So stark war deren Einfluss, dass etliche Jahre lang alle LSD-Sitzungen, gleichgültig zu welchem Zweck, als „Experimentalpsychosen“ bezeichnet wurden. Dies wurde erst 1957 berichtigt, als Humphrey Osmond nach einem wechselseitig anregenden Briefwechsel mit Aldous Huxley („Schöne neue Welt“) den sehr viel treffenderen Terminus „Psychedelika“ prägte.

Bis heute halten sich also der Glaube und die Vorstellung an psychotische und damit pathologische Zustände, die nach der Einnahme von LSD und Psilocybin ausgelöst werden vehement in unserer Gesellschaft. Für den Betroffenen bedeutet das in der Regel eine sehr unliebsame und anstrengende Auseinandersetzung in einem ohnehin schon emotional sehr aufgeriebenen und hypersensiblen Bewusstseinszustand – sollte er während der Substanzwirkung zum Beispiel in eine Psychiatrie eingeliefert werden. (siehe auch: LSD Psychotherapie, Stanislav Grof)

Interview mit Franz Vollenweider

eclipse e. V. und die Arbeit in der Psychedelischen Ambulanz

eclipseeclipse e. V. ist ein Verein für akzeptierende Drogenarbeit und psychedelische Krisenintervention. Das Wort „psychedelisch“ setzt sich zusammen aus den Worten psyche, griechisch für“ Seele“ und delos, griechisch für „offenbarend“, und beschreibt damit die Eigenschaft psychedelischer Substanzen, wie LSD, MDMA oder Psilocybin, innerseelische Vorgänge bewusst zu machen, zu erhellen. Eine psychedelische Krise bedeutet also in diesem Zusammenhang, dass den Prozess der Bewusstwerdung – unter Umständen – schmerzliche Erfahrungen begleiten, die den „erhellenden“ Aspekt behindern/verdunkeln. Das ist vergleichbar mit einer Sonnenfinsternis, bei der der Mond das lebensspendende Licht der Sonne verdunkelt. Daher der Name „eclipse“, englisch für Sonnenfinsternis.

In der Psychedelischen Ambulanz von eclipse e. V. werden Menschen während ihrer Substanzwirkung begleitet. Die Menschen, die zu eclipse kommen, sind weder „Patienten“ noch „Klienten“. Da bei eclipse keine „Behandlung“ stattfindet, ist auch der Terminus „Patient“ unangebracht und würde die Begleitung „auf einer Augenhöhe“ stark behindern. Die Arbeit von eclipse e. V., aber auch vieler anderer Projekte in der Bundesrepublik, wie das Alice-Projekt Frankfurt/Main, die Drug Scouts Leipzig, oder das Odyssee-Projekt Kiel liefern mit ihrem akzeptierenden Ansatz einen Gegenentwurf zur Psychiatrisierung und Pathologisierung in der Jugendbewegung. Leider fehlt es oft an einer staatlichen Subvention, da die Arbeit dieser Projekte oft nur sehr zögerlich anerkannt wird und somit das Potential ihrer Interventionen nicht ausreichend ausgeschöpft werden kann.

Zukunftsorientierte Perspektiven: LSD, Psilocybin und MDMA in der Psychotherapie

zauberpilzeSeit vielen Jahren werden Psychedelika wie LSD, Psilocybin und auch MDMA in der Psychotherapie verwendet. Hier vor allem in den USA, in Israel und in der Schweiz. Es scheint kein Zufall zu sein, dass gerade Staaten die aufgrund ihrer „offensiven Außenpolitik“ gerne auf die Erfolge der Substanzunterstützten Psychotherapie zurückgreifen. Gerade die Anwendung von MDMA führt in der Behandlung von Patienten die unter erheblichen Kriegstraumatisierungen (PTBS) leiden, zu schnellen Verbesserungen in der Symptomatik und dient hier als Katalysator in der Salutogenese.

Die Substanz-unterstützte Psychotherapie ist eher ein Konglomerat von Ansätzen als eine einheitliche Schule. Sie ist tendenziell tiefenpsychologisch orientiert und wurde seit den 60er Jahren auch stark von sog. experimentellen, humanistischen Therapieverfahren beeinflusst. Auch die Illegalisierung und MDMA hat in der Vergangenheit eine sozialkritische Tendenz bei einigen der Vertreter bestärkt. Nach jahrelangen Verboten sind diese Substanzen wieder Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Forschung - sowohl im klinischen als auch im therapeutischen Rahmen - vor allem in der Schweiz, in Israel und in den USA (in Deutschland kann sie zurzeit nicht angeboten werden).

Substanzen wie MDMA, LSD oder Psilocybin sind sog. Entaktogene bzw. Entheogene. Diesen Substanzen wird also eine "die Seele öffnende" Eigenschaft zugeschrieben. Allerdings lässt sich die Wirkung - beispielsweise von LSD- nicht allein aufgrund seiner Pharmakologie vorhersagen, sondern sie beinhaltet komplexe psychologische Wirkmechanismen und wird von ihnen gesteuert.grof Das ist der Grund warum die Psycholytische Therapie immer in einen therapeutischen Gesamtzusammenhang eingebettet ist. Das bedeutet, der Klient befindet sich zunächst in einer eher klassischen Therapiesituation mit Angeboten von Einzel und Gruppensetting - und das ohne die Vergabe irgendwelcher Substanzen. (Bild rechts: Stanislav Grof, LSD-Psychotherapeut)

Erst im Verlauf der Therapie wird mit genauer Absprache des Therapeuten eine individuell festgelegte Sitzung mit der Substanz durchgeführt. Im weiteren Verlauf der Therapie wird anschließend Versucht, die gemachten Erfahrungen in den eigenen Lebenszusammenhang zu integrieren. Dieser Prozess von therapeutischem Vorlauf, Substanzerfahrung und Integration ist typisch für die Substanz-unterstützte Psychotherapie (Psycholyse). Durch die Vergabe von psychoaktiven Substanzen soll innerhalb des therapeutischen Settings eine alternative Erfahrung des Selbst ermöglicht werden. Diese alternative Erfahrung der eigenen Lebenswelt, der Konflikte, Symptome und der sozialen Beziehungen, soll im weiteren psychotherapeutischen Prozess vertieft werden, und in der Folge Veränderungspotenziale entfalten. Störungsrelevante neuropsychologische Komplexe werden aktiviert und im nächsten Schritt "überschrieben", so zum Beispiel beim Trauma.

Artikel zum Thema bei azarius: Haben Psychedelika das menschliche Bewusstsein in der Steinzeit verändert?

Weiterführende Informationen zu LSD und anderen Psychedelika:

Sehr interessante PDF zum Thema "Halluzinogene - gestern und heute, Prof. Dr. Gundula Barsch, Uni Merseburg, Fachbereich Soziales, Medien und Kultur „Drogen und Sucht in der sozialen Arbeit“

Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS)

Psychedelic Welfare:

Die Psychedelische Ambulanz von eclipse e. V.

PDf´s zum Thema:

PDF-Download:
LSD mein Sorgenkind von Albert Hofmann

PDF-Download:
Vor 50 Jahren hat Stanislav Grof erstmals die psychedelische Droge LSD erprobt - zunächst an sich, bald darauf bei der Therapie psychisch kranker Patienten. Im Interview erläutert der Psychiater, warum LSD die Psychotherapie tief greifend veränderte, wie er das Gefahrenpotenzial der heute verbotenen Substanz einschätzt und wie die Selbstversuche sein Leben umgekrempelt habe.

PDF-Download:
Fachinformation Psychedelika von Hans Cousto

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