Drugchecking - ein Modell für Deutschland?(zurück)

drugchecking-Initiative Der Umgang mit Drug-Checking wird in vielen Ländern sehr unterschiedlich gehandhabt, fast nirgendwo wird das gesamte Potential ausgenutzt.

Für GebraucherInnen illegalisierter Rausch- bzw. Genussmittel („Drogen“) besteht ein erhebliches gesundheitliches Risiko, da solche Produkte keiner Qualitätskontrolle unterliegen. Damit verfügen sie über keine zuverlässigen Informationen zu der Art der Inhaltsstoffe und deren Dosierungen.

Dies führt regelmäßig zu tragischen Schadensfällen: 2007 wurden im Raum Leipzig mit Blei gestreckte drugchecking-InitiativeHanfprodukte gehandelt, was zu zahlreichen zum Teil schwersten Bleivergiftungen unter HanfgebraucherInnen geführt hat. Kokain-Pulver wird häufig mit synthetischen Lokalanästhetika gestreckt, was allein in Berlin in einem Jahr zu 59 Todesfällen unter SpritzdrogengebraucherInnen führte
(siehe auch: Kokain mit Entwurmunsmittel). Als in Bremen an wenigen Tagen fünf Junkies an zu hoch dosiertem Heroin starben, ermöglichten Politik und Justiz für die Dauer von zehn Tagen die Untersuchung von auf dem Schwarzmark erhältlichemHeroin.

Beim Gebrauch von als Ecstasy gehandelten Tabletten kommt es gelegentlich zu gesundheitlichen Problemen, weil hochproblematische Substanzen wie z.B. Atropin, Methamphetamin oder das Amphetaminderivat PMMA zu Pillen verpresst werden. Bei einem Meeting der Trans European Drug Information Group (TEDI) im Juni 2009 in Edinburgh wurde durch die anwesenden VertreterInnen der europäischen Drugchecking-Projekte festgestellt, dass in über 80 % der in Europa untersuchten Ecstasy-Proben nicht der klassische Ecstasy-WirkstoffMDMA enthalten war, sondernm-CCP, das synthetisch hergestellte Stoffwechselprodukt der Antidepressiva Trazodon bzw. Nefazodon. Welche Risiken mit m-CCP als Partydroge einhergehen, ist weitgehend unerforscht. KonsumentInnen berichten von Übelkeit, Atem- und Kreislaufproblemen sowie unangenehmen psychischen Nachwirkungen.

Neben den akuten gesundheitlichen Risiken, die von unerwarteten, zum Teil hochproblematischen Substanzen oder Überdosierungen ausgehen, behindert die Unwissenheit bezüglich der Zusammensetzung von Drogen die Entwicklung eines eigenverantwortlichen Risikomanagements. Denn nur wer weiß, was in welcher Menge in einer Droge enthalten ist, kann sein Konsumverhalten entsprechend anpassen und Konsumrisiken gezielt vermeiden. Zudem ermöglicht das Wissen über die genaue Zusammensetzung der Droge eine bessere Reflexion der erlebten Drogenwirkungen und Nebenwirkungen und dies ist eine wesentliche Voraussetzung, um den Drogengebrauch selbstständig kontrollieren zu können.

Dies zu ermöglichen, ist ein wesentliches Ziel von Drugchecking, der qualitativen und quantitativen Analyse von illegalisierten Substanzen.

In Berlin wurde diese Methode von 1995-96 vom Verein Eve & Rave in Zusammenarbeit mit dem gerichtsmedizinischen Institut der Charité (Humboldt Universität) vor allem im Partydrogenbereich erfolgreich durchgeführt. Viele DrogengebraucherInnen gaben ihre Substanzen anonymisiert zur Analyse ab, die Ergebnislisten wurden von der Deutschen Aidshilfe bundesweit verteilt und auf der Website der Giftinformationszentrale NRW der Universität Bonn online gestellt und häufig abgerufen. Da das Projekt vom damaligen Berliner CDU/SPD-Senat nicht erwünscht war, wurde es durch Polizeigewalt beendet: Der Durchsuchung der Vereinsräume folgten zwei Razzien im gerichtsmedizinischen Institut, Unterlagen wurden beschlagnahmt und Vereinsmitglieder wegen „Besitz von Betäubungsmitteln“ angeklagt. Doch konnte die Anklage in zwei Gerichtsinstanzen abgewehrt werden. Damit ist die Legalität des Berliner Drugchecking-Verfahrens festgestellt.


Trotzdem wurde Drugchecking in Deutschland nie wieder aufgenommen, weil die Politik dies stets zu verhindern wusste. Nach der Bundestagswahl 1998 und der Bildung einer rot-grünen Bundesregierung kam es zwar bald zu intensiven Gesprächen zwischen VertreterInnen des zunächst grün geführten Gesundheitsministeriums und einem Netzwerk aus Präventionsinitiativen aus dem Partybereich, doch verliefen auch diese im Sande und wurden mit der Übernahme des Ressorts durch die SPD beendet.

Im europäischen Ausland hingegen kam es zur Bildung zahlreicher staatlich geförderter Drugchecking-Projekte:

Heute wird u.a. in Österreich, der Schweiz, Spanien, Belgien, Portugal und flächendeckend in den Niederlanden Drugchecking durchgeführt. All diese europäischen Projekte sind durch die TEDI-Workgroup (siehe oben) miteinander vernetzt, u.a. mit dem Ziel, eine gemeinsame Datenbank von Analyse-Ergebnissen zum Zwecke der Gesundheitsförderung aufzubauen.

Die Europäische Union hat eine Studie zu den Wirkungen von Drugchecking unterstützt. Die Ergebnisse decken sich weitgehend mit Forschungsergebnissen aus der Schweiz und Australien: Drugchecking ist ein effektives Instrument zur Gesundheitsförderung von DrogengebraucherInnen und verführt abstinent lebende Menschen nicht, Drogen zu konsumieren. Letzteres ist immer noch das absurde Totschlagargument der deutschen Bundesregierung, um Drugchecking zu verhindern (auf ähnlichem Niveau versucht bekanntlich der Vatikan das Verteilen von Kondomen zur AIDS-Prävention und Geburtenkontrolle zu verbieten, weil dies nach Ansicht der Kurie einer Anstiftung zur Homosexualität bzw. Förderung der Promiskuität - nicht an langfristigen Bindungen orientierte sexuelle Kontakte mit verschiedenen PartnerInnen - gleich käme).

Gegen die politischen Widerstände der Bundes- und Landesebenen hat sich in Berlin und Brandenburg eine Initiative aus Drogenhilfeträgern, Aidshilfe, Szenevereinen und Politik (Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke) mit dem Ziel formiert, Drugchecking in Deutschland wieder einzuführen. Auch in anderen deutschen Städten, wie z.B. Frankfurt/Main gibt es solche Bestrebungen. Die Drugchecking-Initiative Berlin-Brandenburg betreibt eine Homepage, auf der die praktischen, wissenschaftlichen, rechtlichen und politischen Aspekte des Drugcheckings umfassend dargestellt werden. Auf dieser Seite findet sich auch die Dokumentation einer Fachtagung zum Drugchecking (Berlin, November 2008): drugchecking.de

Fazit: Die Forderung nach Wiedereinführung von Drugchecking findet sich in allen Wahlprogrammen von Bündnis 90/Die Grünen seit 1998. Dies erfordert ein entschlossenes und koordiniertes politische Handeln kommunaler AkteurInnen, der verschiedenen Landesebenen und der Bundestagsfraktion. Der europäischen Ebene kommt dabei die besonders wichtige Aufgabe zu, Wissen und Erfahrungen zu Drugchecking, welches im Bereich der Europäischen Union umfangreich existiert, zu bündeln, auszubauen und damit die verschiedenen lokalen Drugchecking-Initiativen zu unterstützen.

Tibor Harrach lehrt als Pharmazeut an der Freien Universität Berlin, ist Vorstand von Eve&Rave Berlin und Mitarbeiter der Drugchecking-Initiative Berlin-Brandenburg.

Weiterführende Informationen:

siehe auch: Aktuelle Pillenwarnungen

siehe auch:"Keine Ahnung für alle" (von Tibor Harrach)

Hier geht es zur Homepage der Drugchecking-Initiative Berlin-Brandenburg

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