Autoritäre Maßnahmen bei einem "Rückfall" in Entwöhnungstherapien(zurück)

Wer nicht mitmacht, fliegt raus:
Vom Umgang der Therapieeinrichtungen mit rückfälligen "Suchtkranken"

Ausgangspunkt für diesen Artikel ist der Fall von Mirko (Name geändert), der – nachdem er 2 Wochen zuvor zwei Bier getrunken hatte – von der betreuenden Einrichtung in eine Entgiftung überwiesen wurde. Selbst der behandelnde Arzt war sich bewusst darüber, dass hier definitiv keine Indikation für eine qualifizierte Entzugsbehandlung vorlag. Dieses Verfahren ist als reine Sanktion seit Jahren gängige Praxis in Langzeittherapien und den angeschlossenen Nachsorge-Einrichtungen. Hier werden Menschen ohne jede physische Entzugssymptomatik in eine der teuersten medizinischen Leistungen gezwängt – und das als autoritäres Mittel, um den Betroffenen zu sanktionieren.

Dass es eine Notwendigkeit gibt, therapeutische Behandlungen anzubieten, für Menschen, die offensichtlich den Umgang mit legalen und illegalisierten Substanzen nicht gelernt haben, scheint klar zu sein und niemand würde sich gegen eine solche Einrichtung aussprechen, auch wenn er selber davon nicht betroffen ist.

Dass es in solchen stationären Langzeittherapien und den angeschlossenen Nachsorgen regelmäßig zu so genannten "Rückfällen kommt", ist bekannt und auch selbstverständlich. Nur allzu oft fällt es den Klienten schwer, sofort und unmittelbar dem therapeutischen Konzept folge zu leisten und die eingeforderte Abstinenz konsequent einzuhalten. Die Konsumwünsche dürfen zwar im therapeutischen Kontext verbalisiert werden, das Nachgeben aber – also den Konsumwunsch auszuleben - wird sanktioniert und führt meistens zur Beendigung der Therapie, bzw. Nachsorge.

Darf man den Rückfall eines "Suchtkranken" sanktionieren?

in Wänden eingeengter Stuhl Nur in extremen Ausnahmen wird vom "Rausschmiss" nach einem Rückfall abgesehen – die Sanktion jedoch ist – aus humanitärer Sicht – irrational und völlig überzogen. Wenn ein Klient, der sich in einer stationären Langzeittherapie befindet, dort rückfällig wird, muss er in eine so genannte Entgiftung gehen, um in der Therapie zu bleiben. Diese Entgiftung ist in der Regel für Schwerstabhängige gedacht und wird auch ausgiebig von diesen genutzt. Personen, die sich in einer stationären Langzeittherapie befinden, müssen als Sanktion in eine der Therapieeinrichtung nahestehende Entgiftung gehen, um nicht aus dem Therapieprozess – auf den sie unter Umständen monatelang gewartet haben – rauszufliegen. Diese Betten innerhalb der angeschlossenen Krankenhäuser, welche die Entgiftung anbieten, sind fest eingeplant und stehen den jeweiligen therapeutischen Einrichtungen jederzeit zur Verfügung. Das bedeutet: das jeweilige Krankenhaus hat Extra-Betten, die ausschließlich den "Rückfälligen" der entsprechenden Therapieeinrichtungen zur Verfügung stehen. Das ist allgemein bekannt.

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Eine Entzugsbehandlung kostet sehr viel Geld. Der Tagessatz liegt bei mehreren Hundert Euro pro Tag. Es handelt sich hier ja schließlich angeblich um eine qualifizierte medizinische Intervention. Dass die Betroffenen oft lediglich ein paar Bier am Tag zuvor, oder eine einmalige Dosis ihres geliebten Stoffs, wie Haschisch oder Kokain genommen haben, spielt hier keinerlei Rolle mehr. Die Einweisung hat lediglich einen autoritär-sanktionierenden Charakter und soll so auch auf den Klienten wirken. Dass die Betroffenen hier keine körperliche Entzugssymptomatik haben, ist allen Beteiligten klar – nicht nur den Therapeuten, sondern auch den behandelnden Ärzten und dem Betroffenen. Hier wird also von den Krankenkassen eine Leistung finanziert, für die es aus medizinischer Sicht absolut keine Notwendigkeit gibt, sondern die lediglich als autoritäres Mittel dient, den Klienten unter Druck zu setzen und ihm innerhalb des Therapieprozesses die Hierarchie deutlich zu machen.

Also noch mal: Jede etablierte Therapie-Einrichtung hat jederzeit Zugriff auf freie Betten in einer der Entzugsstationen hier in Berlin. Die behandelnden Ärzte auf diesen Entgiftungsstationen wissen sehr genau, dass sie es hier in den meisten Fällen lediglich mit einem einmaligen "Rückfall" zu tun haben, der in keiner Weise eine Behandlung im Kontext einer qualifizierten Entzugsbehandlung rechtfertigen würde. Denn es ist allgemein bekannt, dass keine Substanz nach nur einmaligem Konsum einen körperlichen Entzug auslöst. Trotzdem rechnen die Krankenhäuser hier die sehr hohen Kosten so ab, als ob der Betroffene, der sich ja innerhalb eines therapeutischen Settings befindet, ein langjähriger Alkohol- oder Heroinabhängiger wäre. Keiner der aufgenommenen Personen leidet unter einer physischen Entzugssymptomatik.

Diese Praxis ist seit Jahren Gang und Gäbe. Keiner der Betroffenen traut sich natürlich, gegen diese Art der Bevormundung vorzugehen: steht doch seine Therapie auf dem Spiel. Hier zeigt sich mehr als deutlich die Unfähigkeit der Therapieeinrichtungen, gemeinsam mit den betroffenen Personen, die aufgrund eines Konsumproblems Hilfe suchen, Konzepte zu entwickeln, die eben Folgendes tun: den Konsum und damit die Frage nach der Konsumkompetenz und der Drogenmündigkeit in den Mittelpunkt des therapeutischen Konzepts zu stellen.

Gesetzlich verordnete Abstinenz

Gab es vor 10 Jahren noch niemanden auf einer Entzugsstation, der vom "Haschisch entziehen" musste, sind inzwischen – beispielsweise im "Countdown" Berlin - zwei von drei Klienten [pathologisierte] Cannabis-Konsumenten im Alter zwischen 17 und 25 Jahren. Eine Praktik, die vor 15 Jahren absolut undenkbar gewesen wäre.

Für jeden Menschen mit Konsum- und Marketing-Erfahrung ist der Hintergrund allzu offensichtlich…

Langfristige Kundenanbindung als Ziel in der Sucht- und Drogenhilfe?

Fazit: Das Suchthilfesystem ist ein Drehtürverfahren mit langfristiger Kundenanbindung und die Entzugsstationen machen sich hier zum Handlanger eines autoritären Therapiekonzepts, welches auf allen Ebenen versagt hat, da es in einer Gesellschaft, die ganz auf Konsum aufgebaut ist, nicht möglich ist, Konsumethik und Konsumkompetenz in ein therapeutisches Konzept einzubinden, da der Zwang zur Abstinenz gesetzlich verordnet ist - Therapieziel ist und bleibt die Abstinenz.

Einen Satz noch zu Mirko vom Anfang unseres Artikels: Er musste (und das ist kein Scherz) – im DAK Berlin – die ersten drei Tage komplett im Bett liegen, durfte nicht Rauchen, das Zimmer nicht verlassen. Es gab keine Medikamentenvergabe. Wozu auch. Auch der Besuch war ausgeschlossen, dass Handy eingezogen. Eine Erklärung hierfür gab es nicht.

Es gibt in Berlin und auch in Deutschland sehr gute und hoch qualifizierte Therapeuten, die – ohne Abstinenzanspruch – mit Drogengebrauchern arbeiten.

Oft ist nicht der Substanzkonsum das Problem. Schon Erich Fromm hat sehr treffend bemerkt:"Wohl dem, der noch Symptome hat. Denn das Symptom ist ja wie der Schmerz ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt...", oder anders ausgedrückt: Wer in einer widersprüchlichen Welt wie dieser keine Symptome entwickelt - der ist krank!

Du bist nicht das Problem.

Qualifizierte Entzugsklinik nach anthroposophischem Konzept in Berlin: Havelhöhe

Station 15 Havelhöhe (warmer Entzug)
Die "Motivierende Entzugsstation 15" bietet einen umfassend medizinisch betreuten Entzug an. Wir entziehen von allen illegalen Drogen und behandeln überwiegend polytoxikomane Patienten. Der Grundgedanke der motivierenden Entzugsbehandlung geht über das Ziel, lediglich körperlich zu entziehen insofern hinaus, als es unser Anliegen ist, die drogenabhängigen Patienten schon in dieser labilen und oft angstbesetzten ersten Phase in ihrer individuellen Problematik zu erreichen und aufzufangen. Für unsere Patienten besteht die Möglichkeit, mit Hilfe therapeutischer Unterstützung weitere notwendige Schritte in Richtung Therapie bzw. zur Entwicklung alternativer Lebensperspektiven anzugehen. Tel: 030/36501-352

Reine Alkohol- oder Tablettenentzüge werden auf der Station 14 (Gastroenterologische Abteilung) durchgeführt. Tel: 030/36501-109
Weitere Informationen auch unter: Drogenentzugstherapie - Station 15

Weiterführende Informationen:

PDF-Download:
Fachinformation "Wie gefährlich ist Cannabis?" Metastudie von Frau Dr. Nicole Krumdiek

PDF-Download:Recht auf Rausch
Das Recht auf Rausch - Wolfgang Nešković, MdB: Rausch als Teil des Lebens -18. Kongress der DGS 6.

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