Kokain mit einem Entwurmungsmittel(zurück)
Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC hat in der Dezember-Ausgabe ihres
Bulletins darauf hingewiesen, dass 2009 die Zahl der lebensbedrohlichen
Fälle zugenommen hat, die nach Kokaingebrauch unter einer starken
Verminderung der weißen Blutkörperchen litten. Diese, Agranulozytose
genannten Attacken, wurden anscheinend durch ein vergleichsweise neues
Streckmittel verursacht, welches der Droge zugemischt wird. Analysen ergaben,
dass die Proben mit dem EntwurmungsmittelLevamisol versetzt worden waren.
Mehr noch, glaubt man den Zahlen der DEA, enthalten knapp 70% desKokains auf
dem US-Markt mittlerweile Levamisol. Auch in Europa findet sich der
Arzneistoff im beliebten Andenpuder.
Für kurze Zeit herrschte Verwirrung, denn der Anteil an Levamisol im Kokain
beträgt nur zwischen drei und sechs Prozent - zuwenig, um es als Streckmittel zu
bezeichnen. Nun haben zwei Forscher von der Universität von Miami eine
Erklärung parat, die im Journal of Analytical Toxicology veröffentlicht
wurde. Danach verstärkt Levamisol die Wirkung des Kokain. Der Arzneistoff wirkt
auf das vegetative Nervensystem, zudem regt er die Freisetzung des
Neurotransmitter Glutamat an, einem wichtigen Botenstoff im zentralen
Nervensystem. Sollte diese Annahme stimmen, wäre weniger Kokain für eine
ähnliche Wirkung nötig. Ein gutes Geschäft für die Kokainhersteller.
Es zeigt zugleich den skrupellosen Ideenreichtum einer Branche, die anscheinend
vermehrt auf neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse baut. Die ohnehin durch
den Kokainkonsum erhöhte Gefahr eines Herzstillstandes wird durch die
Beimengungen noch verstärkt. Dazu kommt: Levamisol galt kurze Zeit als
Antikrebsmittel, eben weil es Blutkörperchen zu zerstören vermag. Weil dieser
Vorgang aber, wie an den Agranulozytose-Attacken zu sehen ist, leicht außer
Kontrolle gerät, wird es beim Menschen kaum noch eingesetzt. In Kanada und den
USA wird es gar nicht mehr angewendet. Nur unter Aquariumliebhabern ist es
weltweit nach wie vor beliebt, um tropische Fische von Fadenwürmern zu befreien.
Jörg Auf dem Hövel, 08.01.2010
siehe auch: Aktuelle Pillenwarnungen
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